Ich sitze im Café und möchte
einen kleinen Artikel über Takt schreiben. Die „Techniken der Imagepflege“ von Erving Goffman habe ich gerade aufgefrischt, nun möchte ich nachsehen, was Freiherr von Knigge zum Thema zu sagen hat. Als ich nach „Über den Umgang mit Menschen“ greife, fällt mein zugegeben etwas hoch geratener Bücherstapel um und poltert zu Boden. Die Gäste an den Nachbartischen schauen sich zu mir um. Mit einem „Hoppla-sorry-keine-Absicht-ich-bin-ja-so-tollpatschig“-Lächeln beantworte ich ihre Blicke, während ich auch den Hartmann und die Heidemarie Müller zurück auf den Tisch befördere. Ich ernte nachsichtiges Grinsen, die Gäste widmen sich wieder ihren Gesprächen oder ihrer Zeitung. Der Wirt kommt vorbei, fragt, ob alles in Ordnung ist und schaut nach, ob er etwas bei mir abräumen kann, damit ich mehr Platz habe. Auch ihm gebe ich ein „Nein-alles-in-Ordnung-Entschuldigung-für-das-Chaos“-Zeichen und bestelle noch einen Kakao.

Wir sitzen alle im selben Boot. Oder Café.

Was gerade passiert ist, ist ein gesellschaftlich fein ausgeklügeltes, in lebenslanger Sozialisation eingeübtes kommunikatives Kunststück des Taktes und der Imagepflege. In einem gemeinsam geteilten Rahmen (Café) habe ich gegen die von den Teilnehmern (Gäste und Wirt) an der sozialen Interaktion (Wir sind gemeinsam in einem Café) unbewusst geteilte kulturellen Ordnung (Wir sitzen vollständig bekleidet an Tischen, unterhalten uns in Tischlautstärke, lesen oder arbeiten innerhalb unserer privaten Sphäre und konsumieren dabei etwas Kostenpflichtiges) verstoßen (ich habe Krach gemacht und Unordnung verursacht). Nachdem mein Vergehen zu offensichtlich war, um taktvoll übergangen zu werden (hätte ich in der Nase gebohrt hätte ich zwar meine persönliche Würde diskreditiert, aber alle hätten sich bemüht, es zu übersehen), war es meine Aufgabe, die Schuld für die Störung anzuerkennen und deutlich zu machen, dass ich unsere Verhaltensregeln nach wie vor teile und respektiere.

War das etwa Absicht?

Mein Versehen wird als versehentlicher Fauxpas akzeptiert (ich habe nicht absichtlich gegen unsere stille Übereinkunft verstoßen) und vergeben. Als guter Gastgeber, der Verantwortung dafür fühlt, dass seine Gäste ihr Gesicht wahren, um allen Anwesenden ein angenehmes und wiederholbares Erlebnis zu erhalten, bietet mir der Wirt an, einen Teil der Schuld zu übernehmen, indem er den eventuellen Platzmangel auf dem Tisch verantwortet. Würde ich mich lautstark bei ihm beschweren,  hätte ich mein eigenes Bild als höflicher Mensch, der einfach in einem Café in Ruhe arbeiten möchte, und das allgemeine Wohlbefinden erneut bedroht. Aber so ist nun alles wieder in Ordnung und ich kann mich weiter meinem Artikel widmen.

Schein und Sein

Die Mechanismen dieser kleinen Episode lassen sich auf alle sozialen Interaktionen übertragen. Ob in einem Café oder auf einer öffentlichen Veranstaltung, es wird von jedem Teilnehmer gemäß seinem Auftreten automatisch und unbewusst erwartet, dass er bestimmte Eigenschaften besitzt. Treten wir in Kostüm und Anzug auf, eventuell sogar mit einem kleinen Unternehmens- oder Clubabzeichen am Revers, gehen die anderen Gäste in der Regel davon aus, dass wir fachlich und sozial kompetent, kommunikativ und an unserem Gegenüber interessiert sind. Das Abzeichen verleiht uns sogar einen kleinen Vertrauensvorschuss, da offenbar eine Institution uns für würdig befindet, in ihrem Namen aufzutreten.

Erwartung sozialer Kompetenz

Es wird vorausgesetzt, dass wir uns mit Umgangsregeln auskennen und weder unser Gegenüber noch uns selber in eine unangenehme Situation bringen wollen. Wir alle fühlen uns wohl und souverän, wenn unser Image und unsere Verhaltensstrategie konsistent sind und von anderen Beteiligten anerkannt werden. Noch besser fühlen wir uns, wenn uns sogar ein besseres Bild von uns zurück gemeldet wird, als wir erwartet haben. Unangenehm wird es allerdings, wenn etwas geschieht, was diesem Bild widerspricht – und zwar sowohl uns selber, als auch anderen. Ob aus Unbeholfenheit oder Absicht, setzt sich eine andere Person in ein Fettnäpfchen oder beleidigt eine andere Person, ist es allen Beteiligten unangenehm und wir fühlen uns intuitiv verpflichtet, das Gleichgewicht durch eine taktvolle Reaktion wieder herzustellen.

Wie man in den Wald hineinruft…

Freiherr von Knigge, dessen Werk sich mehr um soziale Geschicklichkeit als um die korrekte Verwendung von Gabel und Messer dreht, hat gleich auf Seite 4 einen sachdienlichen Hinweis: „Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um Dich zu erheben!“ Damit ermahnt auch er uns, das Bild, das jemand anderes von sich vermittelt, zu respektieren und nicht absichtlich zu beschädigen oder gar auszunutzen, wenn derjenige es selber nicht geschickt verteidigt. Tun wir das doch, so entlarven wir uns als unbescheiden, schamlos und „unedel“, da wir auf Kosten eines anderen versuchen, Punkte zu sammeln, anstatt dessen Ehre zu retten – und gefährden damit auch das Bild, das andere von uns haben.

Takt ist Teamwork

TaktimCafeDie gute Nachricht ist also, dass Gäste einer sozialen Interaktion, sofern der Rahmen nichts anderes vorgibt (Kabarett, Bundestagsdebatten und Facebookkommentare folgen eigenen Ordnungen…), sich gemeinsam bewusst oder unbewusst darum bemühen, dass niemand sein Gesicht verliert. Gerät das Bild doch ins Wanken, sind Gelassenheit, Schlagfertigkeit und Humor die Bastionen geschickter Interaktionsteilnehmer. Und diese erwachsen letztendlich aus Wissen und Übung.

 

Café-Lektion zum Takt

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